von Elisabeth Kostova
Niemand fürchtet sich mehr vor Graf Dracula. Spätestens seit Bram Stokers Graf von den Hammer Studios als Allzweckwaffe gegen Werwölfe, Frankenstein und schlussendlich chinesische Ninjas[1] ins Feld geführt wurde, entbehrt die Figur nicht einer gewissen Lächerlichkeit. Nichtsdestotrotz ist das Vampirgenre scheinbar so unsterblich wie seine Protagonisten – zuletzt mit dem „Interview mit einem Vampir“[2] erlebten Draculas Nichten und Neffen eine Renaissance im Horrorgenre.
Mag der Gedanke, Geschichte durch die Augen eines Unsterblichen zu erzählen, beim ersten Versuch noch reizvoll sein, so läuft sich diese Idee mit der Serienproduktion zwangsläufig tot. Die Figur des modernen Vampirs ist jedoch so von den gefühlsschwangeren Lestats und Louis und ihren Blickwinkeln geprägt, das es kaum verwundern mag jenseits der Anne Rice Gothic-Kuschelwelten keine anderen Vampire in die Buchläden zu finden. Andere Ansätze wie die Vampirjäger Geschichten Laurel K. Hamiltons sind durch ihr Gemisch von Erotik, Gewalt und Humor viel zu sehr dem Genre und seinen Klischees verpflichtet, als das sie für nicht-genrefanatische Leser erträglich wären. In dieser Stimmung des heraufdämmernden Verfalls erscheint nun ein Roman der sich – wieder einmal – der Geschichte des großen Übervaters der Vampire annimmt.
The Historian von Elizabeth Kostova ist die Geschichte von Suchenden. Einer Tochter die ihren Vater sucht, eines Mannes der seinen Mentor sucht, eines Professors der die Wahrheit sucht - sie alle eint die Jagd in den jeweiligen Fußstapfen nach dem unsterblichen Bösen in Form von Vlad Dracul. Kostova bezieht sich kaum auf die literarische Figur Stokers sondern erzählt von seinem realen Vorbild, dem Fürsten Vlad Tepes, genannt Dracula – Sohn des Drachen. Geschickt instrumentiert sie die historisch belegten Grausamkeiten dieses Tyrannen um ein im Bezug auf Dracula gänzlich neues Gefühl von Furcht und Unwohlsein hervorzurufen, ohne dabei jemals auf plumpe Gewaltorgien zurückzugreifen.
Der Roman zeichnet sich durch einen für das Horrorgenre ungewöhnlich literarischen Stil aus. Vor allem glänzt Kostova durch die Evozierung von Stimmungen und Orten. Von Oxford über Budapest bis zur Ruine von Draculas Schloss gelingt es der jeweiligen Erzählstimme jede Etappe der Reise mit einer eigenen eigentümlichen und fesselnden Atmosphäre zu versehen.
Angelehnt an den originalen Dracula Roman besteht The Historian zu großen Teilen aus Briefen, Postkarten und historischen Dokumenten. Man mag der Autorin hier vorwerfen, die verschiedenen Stimmen – insbesondere die der drei Hauptfiguren – seien kaum von einander zu unterscheiden, der Lesbarkeit des Romans tut dies jedoch keinen Abbruch.
Was den Roman von der breiten Masse der Vampirgeschichten abhebt, abgesehen von seinem Stil, ist die Figur Draculas und ihr metaphorischer Gehalt.
**********ACHTUNG SPOILER****************
Taucht Dracula in anderen Erzählungen als untoter Überschurke von comicartigen Proportionen auf, so wird er in diesem Roman zum Symbol für sehr realen historischen wie aktuellen Schrecken. Sein persönlicher Auftritt beschränkt sich auf wenige Seiten, aber wie ein Schatten hängt er die ganze Erzählung lang über den Protagonisten. Zugleich werden die Historiker auf ihren Reisen von Bibliothek zu Bibliothek auf eine Reise durch das Europa des kalten Krieges geführt und erleben aus erster Hand die eiserne Hand des kommunistischen Regimes. Die Parallele zu Dracula der Tyrann und Befreier zugleich sein wollte, ist nicht von der Hand zu weisen. Ein Hinweis auf den Totenkult des kommunistischen Regimes, seine Zurschaustellung der verstorbenen Anführer in gläsernen Särgen damit ihre Macht den Tod überdauere, untermauert diesen Gedanken weiter.
Und wenn Dracula schließlich mit Rossi am Kaminfeuer sitzt und der entsetzte Professor ihn fragt, ob er von der modernen Welt wisse, lautet seine Antwort: „I know the modern world. It is my prize, my favorite work.“[3]
Dass in seiner Bibliothek Werke Machiavellis mit Hitlers Mein Kampf und Sammlungen über mittelalterliche Folterkunst Seite an Seite stehen zeigt das die Symbolhaftigkeit Vlad Draculs nicht mit dem Kommunismus endet, sondern eine dem Menschen inhärente Boshaftigkeit repräsentiert, die wie der Vampir unsterblich ist und andere Leben nehmen muss um weiter zu existieren.
Wenn Dracul schließlich eines unspektakulären Todes stirbt und die familiäre Idylle wiederhergestellt scheint, mag dies auf den ersten Blick unpassend wirken. Der folgende Epilog rückt diese Idylle zurecht und verrät viel zu viel über das Schicksal der Familie und die Unglücke die sie heimsuchen als das man wirklich glauben könnte, der Versuch das Böse auszurotten sei gelungen. Der Tod des geliebten Vaters auf diplomatischer Mission durch eine Tretmine erinnert im großen Kontext des Romans an die nicht enden wollenden Gräuel des Krieges. So ist es nicht verwunderlich, wenn die Historikerin doch noch ein von Dracula gedrucktes Buch erhält, ein Erbe das die Zeiten überdauert.
Genauso wenig mag die Ruhe Draculas bei den Vorbereitungen für sein eigenes Begräbnis erstaunen.
”He looks not at all like a man in constant peril – a leader whose death could occur at any hour, who should be pondering every moment the question of his own salvation. He looks instead, the abbot thinks, as if all the world is before him.“[4]
**********SPOILER ENDE****************
Fazit:
"The Historian" ist ein ein brilliant geschriebener Roman über Vlad Tepes und seinen fiktionales alter Ego Dracula. Dabei ist der Roman weit mehr als eine Gruselgeschichte - er bietet auch reale Geschichte und zeigt, dass diese ebenso oft gruselig sein kann.

[1] The Legend of the 7 Golden Vampires. Hong Kong/ UK. 1974.
[2] Rice, Anne. Interview mit einem Vampir.
[3] Kostova, Elizabeth. The Historian. London. 1995. S.572
[4] Kostova, Elizabeth. The Historian. London. 2005. S. 642

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