Dienstag, Juni 28, 2005

Tagebuch eines Kleinstadtbewohners I

Gerade bin ich Zeuge einer äußerst kuriosen, zugleich aber sehr unterhaltsamen Veranstaltung geworden. In meiner kleinen Heimatstadt gastierte die Big Band der Bundeswehr, und das sogar direkt vor meiner Haustüre. So weit, so gut. Der Marktplatz ist ja auch einigermaßen groß und war besucht von 5000 Besuchern, die für das Spektakel angereist waren. Hierzu sei angemerkt, dass dies die größte Veranstaltung gewesen ist, die ich bisher in dieser Stadt erlebt habe und das an einem Werktag.
Die Bundeswehr Band hat ihren Stützpunkt in unserer Stadt (auch eine neue Information für mich) und dementsprechend trug man den Oberlippenbart (in Fachkreisen Pornobalken) mit Stolz und Freude. Das Finale war dann ein Robbie Williams Medley (inklusive Pornobalken) und danach "Up where we belong" (auch mit Pornobalken und einer schwarzen Sängerin die von Oberstleutnant Irgendwas stets als "unsere" Bwolya(?) vergestellt wurde) mit geballter Faust.
Das Publikum bestand zum großten Teil aus Menschen über 40, denen man die typisch kleinstädtische Attitüde von der Nasenspitze ablesen konnte. Sobald die Musiker anfangen sich ins Spielen zu steigern, sieht man das leicht distanzierte "Guck dir die Bekloppten an, iss ja juut die Mussik, ävver janz Tüv sin die net." Die Männer bekunden das mit starrer Miene und verschränken Armen, die Frauen, die mich immer wieder in ihrem Kleidungsgebahren an Transvestiten aus den 80er erinnern, lachen sich kaputt - ungefähr mit demselben Lachen, dass sie an den Tag legen wenn sie in der 12er Gruppe an Karneval beschwipst zum türkischen Imbiss gehen und sich mit dem ausländischen Kellner anfreunden.
Trotz dieser Haltung kann man nicht umhin, das ganze als gelungenen Abend zu empfinden, schließlich wird der ganze Event doch mit derselben Neugier behandelt als wären Besucher vom anderen Stern auf dem Marktplatz gelandet, und dementsprechend wird geklatscht und gejubelt. Und wieder stehe ich hier, in zwei Hälften gehauen, die eine, die sich über den Event freut, über die Sensation, dass in dieser kleinen Stadt was passiert; die andere, die nicht umhin kann den Tanzkränzchen-Charakter der Musik und die Menschen, die über andere lachen obwohl sie es nicht sollten, zu bemerken und sich zu fragen wie ich eigentlich ins Bild passe.

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